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Stellungnahmen zum profil-Artikel 5/06

Stellungnahme vom Mag. Norbert Fuchs - Pharmazeut - Wiss. Beirat der Nährstoff-Akademie Salzburg
Stellungnahme vom Mag. Ursula Höller - Nährstoff-Apothekerin
Stellungnahme von Mag. Veronika Winkler M.S.c.- Ernährungswissenschafterin
von Mag. Norbert Fuchs
Gute Vitamine / böse Vitamine, ein Thema, das ExpertInnen emotional werden lässt und VerbraucherInnen verunsichert. Das Vitamin-Thema emotionalisiert, polarisiert, teilt die Lager in Pro und Contra – und erhöht Medienauflagen, wenn es nur aggressiv genug aufgemacht ist. Als Pharmazeut, Wissenschaftler, nicht zuletzt aber auch als Familienvater beschäftigt mich dieses Thema mittlerweile seit mehr als 3 Jahrzehnten. Nicht nur, weil es um Geld geht, sondern vor allem auch um unser höchstes Gut, die Gesundheit. Einseitig recherchierte und publizierte Artikel polarisieren ExpertInnen und verunsichern interessierte Laien. Zum Leitartikel "Vitaminus" der österreichischen Wochenzeitschrift Profil Nr. 5 vom 30. Jänner 2006 erlaube ich mir daher einige Anmerkungen:
Zum Grundverständnis: Wozu brauchen wir eigentlich Vitamine und Co.?
Die kleinste Funktionseinheit unseres Körpers ist die Körperzelle. Wir alle laufen sozusagen als kompakte Bündel von Herz-, Leber-, Immun-, Knochen-, Gehirn-… und zahlreichen anderen Organzellen (insgesamt etwa 60 Billionen pro Mensch) durchs Leben. In jeder einzelnen (!) dieser unserer Körperzellen, die ähnlich biologischen Minifabriken funktionieren, arbeiten etwa 10.000 Mini-MitarbeiterInnen, so genannte Zellenzyme. Diese Zellenzyme sind hochspezialisierte Arbeitskräfte, die in jeder Sekunde unseres Lebens all das produzieren, was ein gesunder Körper täglich benötigt: Wärme, Energie, Hormone, Nervenbotenstoffe, neue Hautzellen, Muskelzellen, Immunzellen und andere wichtige Dinge zum (Über)leben. Die zellulären Enzyme arbeiten dabei wie hochspezialisierte, bestens aufeinander abgestimmte MitarbeiterInnen. Sie arbeiten nicht gegen-, sondern in äußerst kollegialer Weise miteinander und haben allesamt das gleiche Ziel: all das, was von außen zugeführt wird (also all das, was wir essen, trinken und atmen) optimal in Energie und Körpersubstanz umzuwandeln und Schädliches möglichst effizient und nachhaltig aus dem Körper zu eliminieren.
Wie sie das machen? Mit Hilfe hochwertiger Spezialwerkzeuge, ohne die sie ihre Arbeit nicht verrichten könnten. Wie diese Spezialwerkzeuge heißen? Ernährungsexperten nennen sie Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente und sekundäre Pflanzenstoffe, mit einem Sammelwort „Mikronährstoffe“. Unser Körper produziert jede Sekunde 8.000.000, alle 24 Stunden 600 Milliarden neue Körperzellen. Wir bezeichnen dies generell als Regeneration. Dabei werden die Mikronährstoffe (Bio-Werkzeuge) verbraucht und über Schweiß, Stuhl und Urin laufend ausgeschieden.
Wie kommen wir zu unseren täglichen Vitaminen?
Ein Mensch, der sich gesund und abwechslungsreich ernährt, bezieht die lebensnotwendigen Mikronährstoffe üblicherweise aus hochwertigen Lebensmitteln. Prinzipiell sind all jene Lebensmittel hochwertig, die neben ihren Brenn- und Baustoffen (Zucker, Stärke, Eiweiß, Fett) hohe Gehalte an Enzym-Werkzeugen (also Mikronährstoffen) aufweisen: Naturbelassenes Obst, Freiland-Gemüse, Vollkorn, Freiland-Salate, kalt gepresste Pflanzenöle zum Beispiel.
Nun gibt es aber viele Menschen, die ihren Körper über die Nahrung zwar mit großen Mengen an Brenn- und Baustoffen versorgen, die zur Verwertung notwendigen Enzym-Werkzeuge dabei aber nicht mitliefern. Weißmehlprodukte, Süßigkeiten, Limonaden, Eistees, Snacks, raffinierte Cerealien gehören zu diesen Nahrungsmitteln (die Bezeichnung Lebensmittel wäre hier nicht angebracht). Die mittelfristigen Folgen solcher einseitiger Ernährungs- und Trinkgewohnheiten? Der Körper holt sich die Bio-Werkzeuge (ohne die unsere Zellenzyme die angebotenen Brenn- und Baustoffe ja nicht verwerten könnten) aus den Körperspeichern: z. B. Magnesium und Calcium aus den Knochen, B-Vitamine und Zink aus der Leber und anderen Organen.
Die mittelfristigen Folgen dieser einseitigen Ernährungs- und Trinkgewohnheiten?
Sie sind nicht so fataler Natur wie vor 100 Jahren, als Seefahrer an Skorbut, Beri-Beri oder Immunschwäche starben. Der moderne Mensch leidet schließlich nicht mehr an absoluten Vitaminmängeln. Unsere Wohlstands-Defizite sind relativer und latenter Natur. Ein relativer Vitaminmangel hier, ein relativer Spurenelemente-Mangel dort, führt zu einem Stau, nämlich geanu an jenen Stellen des Zell-Stoffwechsels, wo Mangel an spezifischen Werkzeugen herrscht. Diese Art von Stoffwechselstau ist manchmal im Blut messbar (erhöhte Harnsäure, erhöhtes Cholesterin, erhöhtes Laktat). Andere Male zeigt sich ein Mikronährstoffmangel als Einschränkung körperlicher oder psychischer Funktionsfähigkeiten, zum Beispiel durch erhöhte Krampfneigung oder depressive Stimmung bei Magnesium-Defiziten.
50% aller Erkrankungen in den Industrieländern sind heute ernährungsbedingt!
10 % aller Kinder leiden heute an Neurodermitis, 6 - 10 % aller Erwachsenen sind Diabetiker, rheumatische Erkrankungen zählen zu den häufigsten Ursachen für Frühpensionierungen, 25 % aller ÖsterreicherInnen zeigen allergische Reaktionen auf harmlose Naturstoffe wie Birkenpollen oder Katzenhaare. Wir nehmen diese Wohlstandserkrankungen hin, als wären sie von der Natur vorgegeben. Wir machen die Umwelt dafür verantwortlich (weil praktisch), oder die Gene (weil börsenträchtig). Dies ist angenehmer, als unsere Ernährungs- und Trinkgewohnheiten zu hinterfragen.
Die Botschaft der Ernährungswissenschaft ist klar und verständlich: Esst 5 mal täglich Obst und Gemüse, Leute! Ein Blick jedoch in die Verbraucherstatistiken, oder - einfacher - in die Einkaufskörbe bei Billa, Spar und Hofer zeigt uns die Realität: Fertiggerichte, Snacks, Wurstwaren, Eistee und andere Limonaden sowie Süßigkeiten bestimmen den täglichen Speiseplan der Durchschnitts-ÖsterreicherInnen. Schmeckt gut, kostet wenig – und raubt Vitamin-Reserven. Allergien mit 20, Gicht mit 40, Infarkt mit 50 und Bypass mit 60. Die ernährungsbedingt Erkrankten rutschen unmerklich in das Sicherheitsnetz eines vorwiegend reparaturorientierten Gesundheitssystems. Die jährlichen Kosten für ernährungsbedingte Erkrankungen betragen mittlerweile Euro 7 Milliarden (für europhobe ÖsterreicherInnen: ATS 100 Milliarden!).
Vitamine sind schädlich und verursachen Krebs?
In der Tat haben groß angelegte Studien gezeigt, dass isolierte Labor-Vitamine, hoch dosiert und über längere Zeit verabreicht, gegenteilige Effekte hervorrufen können. Doch wo bleibt der Hausverstand von Wissenschaftlern? Den Körper eines Rauchers und Junk-Konsumenten durch Zufuhr von synthetischem Beta-Carotin und Vitamin E in den Körper eines Vegetariers verwandeln zu wollen, gleicht dem verzweifelten Versuch mittelalterlicher Alchimisten, Quecksilber in Gold zu verwandeln. Was erwarten sich Wissenschaftler, die an tausende Raucher künstliche Antioxidantien, an Diabetiker und Herzkranke Labor-Vitamin E und an Personen mit Immunschwäche Vitamin C verfüttern? Vitamine sind keine Arzneimittel, wurden in diesen Studien aber wie solche eingesetzt. Das wäre, als würde ein Werkstättenbesitzer die Produktivität seines Betriebes durch eine Containerladung von identischen Schraubenschlüsseln steigern wollen.
Also nicht so sehr die Ergebnisse der im Profil zitierten negativen Vitamin-Studien sind bestürzend, sondern das prinzipielle Nicht-Verständnis der Studienverantwortlichen für die biologischen Funktionen von Mikronährstoffen. Mikronährstoffe nämlich sind und bleiben das, was sie seit Beginn der Menschheitsgeschichte in ihrer biologischen Funktion waren: hochwertige, biologische Enzym-Werkzeuge, ineinander greifend, voneinander abhängig und gegeneinander nicht ersetzbar.
Natürliche Vitamine haben vielfältigere Funktionen, als uns bloß zu "ernähren".
Die Zeiten landesweiten Hungers sind Gott sei Dank vorbei, in denen wir die Qualität unserer Ernährung vorwiegend in Kalorien, also Wärmeeinheiten, definieren mussten. Wenn die Begriffe Nährstoffe und Mikronährstoffe zwar immer noch suggerieren, diese Moleküle hätten den alleinigen Zweck, unseren Körper kalorisch zu ernähren, ist dieses Wissen heute mehr als überholt. Mikronährstoffe aus hochwertigen pflanzlichen Lebensmitteln (sogenannte Phytamine) dienen zwar vordergründig als Enzym-Werkzeuge zur Verwertung von Eiweiß, Fett und Kohlenhydraten, zeigen aber auch andere – mindestens ebenso lebensnotwendige – Eigenschaften: Sie lindern Entzündungen, modulieren das Immunsystem, schützen vor freien Radikalen und Krebs, senken Cholesterin, fördern die Verdauung und die Hormonbildung. Hierin liegt wohl der entscheidende Unterschied zwischen biologisch aktiven pflanzlichen Vitaminen (Phytaminen) und Labor-Vitaminen, wie die ExpertInnen Kiefer, Pfannhauser und Wagner richtigerweise anmerken.
Sind synthetische Vitamine nun generell schlecht?
Die pauschale Verurteilung synthetischer Vitamine im zitierten Profil-Artikel leugnet jahrzehntelange Fakten der Angewandten Ernährungsmedizin. Der millionenfach praktizierte, gezielte Einsatz von Eisenpräparaten bei heranwachsenden Jugendlichen, von Calcium und B-Vitaminen bei Schwangeren, von Magnesium bei HerzpatientInnen, SportlerInnen und Schwangeren sind nur einige Beispiele für eine sinnvolle und nachhaltige Prophylaxe und Therapie entsprechender Mangel-Erkrankungen. Der gezielte therapeutische Einsatz von Mikronährstoff-Kombinationen (Kombinationen!) ist eine sinnvolle Maßnahme im Rahmen der Ernährungsberatung und der medizinischen Therapie. Diese präventiven und therapeutischen Potentiale nicht zu nutzen, hieße, ernährungsmedizinische Erfahrungen und Fakten zu ignorieren.
Der wahllose Konsum von Multivitaminpräparaten oder gar hochdosierten Einzelvitaminen aber, mit dem Ziel, damit schlechte Lebensgewohnheiten kompensieren zu wollen, ist aus heutigem Erkenntnisstand Unfug. Das Klangbild eines großen Symphonieorchesters wird schließlich auch nicht dadurch besser, in dem man zwar ständig einige Flöten, Oboen, Celli und Violinen erneuert, die restlichen Instrumente dagegen verrotten lässt.
In diesem Sinne aber war auch der Profil-Artikel nicht wirklich wegweisend: es ist nämlich zu befürchten, dass nach dem Lesen des Artikels einige Orchestermitglieder ihre Instrumente überhaupt weg legen, was dem Klangbild unseres Lebensorchesters ebenso wenig gut tut.
von Mag. Ursula Höller
Und wieder einmal staunt man:
darüber was manche Journalisten als Recherche verstehen?
darüber was seriöse Information für diese Journalisten wohl heißen könnte?
Der aktuelle Aufmacher der Österreichischen Wochenzeitung Profil provoziert Stellungnahmen seitens der Nährstoff-Akademie Salzburg.
Natürliche Vitamine haben eine optimale Bioverfügbarkeit. Stehen also für unseren Körper bestmöglich zur Verfügung. Nun haben wir es in unserer industrialisierten Welt aber mit einer Nahrungsmittelindustrie zu tun, die in ihren Fertigprodukten nicht viel bis gar nichts mehr an natürlichen Vitaminen übrig lässt. Egal ob man Weißmehl (pdf:Nährstoffverluste durch industrielle Herstellung von Mehlen), raffinierten Zucker, unreif geerntetes Obst und Gemüse, das mit unterschiedlichsten Chemikalien zur Konservierung behandelt worden ist oder auch Fisch und Fleisch (Mastbedingungen, Fütterungsmittel,…) unter die Lupe nimmt.
Der Großteil der Bevölkerung ernährt sich von diesen Produkten und leider eben nicht biologisch und ausgewogen.
Dass diese Nahrungsmittelindustrie durch künstliche Vitaminzusätze versucht, ihre schlechten Produkte wieder in ein besseres Licht zu rücken, zeigt, dass sie vom allgemeinen Vitaminkuchen ein Stück mitschneiden will und dass sie weiß, dass der Bedarf an diesen Vitalstoffen vorhanden ist. Eigentlich ist es ja haarsträubend, dass zunächst durch Produktionsvorgänge die natürlich vorhandenen Vitamine entfernt werden und dann dem gereinigten, homogenisierten, bestrahlten und sonst wie behandelten Produkt wieder zugefügt werden, das dadurch teurer verkauft werden kann.
Wenn man in der Wurst durch Vitamin C den schädlichen Effekt des Pökelsalzes mildern möchte, wie viel bleibt dann von der Ascorbinsäure für die Deckung des Tagesbedarfs und wo sind die Flavonoide in der Wurst, die die Aufnahme von Vitamin C verbessern?
Man weiß heute, dass Monosubstanzen, wie sie auch in den teilweise zitierten Studien eingesetzt wurden, keine signifikanten Verbesserungen und sogar schädliche Auswirkungen haben können. Detailliertere Ausführungen zu Studien erfahren Sie HIER im Rahmen eines Artikels von Doz. Dr. Bodo Kuklinski.
Mikronährstoffe arbeiten ähnlich den Zahnrädern eines Uhrwerkes. Ist der Zahn auch nur eines Zahnrades defekt, nützt Ihnen die unverwüstliche Stahlkonstruktion eines großen Zahnrades gar nichts.
So ist zwar richtig, dass ein Vitamin-E-Molekül nach Reduzierung eines Radikals selbst zum Radikal wird. Des wegen benötigt das Vitamin E ein Antioxidans mit noch höherem Redoxpotential, z.B. das Vitamin C oder das Coenzym Q10 um selbst neutralisiert werden zu können.
Wenn nun aber unsere Nahrungsmittel kaum natürliche Vitamine beinhalten, wie soll dann die Bevölkerung aus diesen Lebensmitteln ihren Vitaminbedarf decken?
Im vorliegenden Bericht werden vitaminisierte Lebensmittel, Billigprodukte aus Lebensmittelgeschäften und Drogeriemärkten, Vitamine, die über Hausfrauenparties vertrieben werden, Nahrungsergänzungsmittel und Arzneimittel (es gibt auch Vitamine, die unter diese Regelung fallen!) in einen Topf geworfen. So einfach ist die Sache nicht! Es gibt unzählige Produkte die aufgrund schlechter Zusammensetzung, niedriger Dosierung, ungesunder Hilfsstoffe,… zu Produkten zu zählen sind, die der menschliche Körper nicht braucht, die einzig und allein da sind, um die Kontostände der Hersteller in die Höhe zu treiben. Es gibt allerdings auch zahlreiche Produkte, deren Wirksamkeit gegeben und bestätigt ist. Einige dieser Produkte tragen mittlerweile das Qualitätsgütesiegel der Nährstoff-Akademie Salzburg (HIER mehr dazu). Diese Produkte bestanden eine zwölfteilige Qualitätsbeurteilung und haben eine positive Auswirkung auf den menschlichen Organismus.
Vitamine sind wirksame Substanzen, die in Hände von Fachleuten gehören. Ernährungsmediziner setzen diese Substanzen ganz bewusst bei latenten Mängeln ein. Entscheidend ist die Latenz , nicht ein ausgeprägter Vitaminmangel, der in Österreich nicht mehr zu finden ist. Entsprechend ausgebildete Fachleute wissen auch ganz genau in welcher Form Vitamine einzusetzen sind. Ganz nebenbei brauchen wir neben Vitaminen auch Mineralstoffe und Spurenelemente, um unseren Stoffwechsel am Laufen zu halten.
Die AutorInnen dieses Artikels vergleichen Äpfel mit Birnen und stellen zu einfache Milchmädchenrechnungen an. Unser Körper arbeitet wesentlich komplexer. Biochemie ist ein langwieriges Studium, weil's eben nicht so banal und einfach funktioniert, wie das einige gerne hätten.
Vieles an dem Artikel ist emotional hochgeschürt, einem Boulevardstil entsprechend, dem sich ein Medium verschreibt oder nicht. Die einzige Möglichkeit sich dagegen zu wehren – derartige Zeitschriften nicht mehr zu kaufen.
Gravierend wird es allerdings, wenn falsche Inhalte publiziert werden. Schlechte Recherche, die teuer werden kann.
  • So bekamen die Studienteilnehmer an der Linxian-Studie 30 mg Vitamin E, 15 mg Betakarotin und 50µg Selen und nicht wie behauptet Vitamin A und Vitamin E.
  • Dass der menschliche Körper nur Vitamin D selbst herstellen kann, ist nicht richtig. Er kann auch in kleinen Mengen Vitamin K (im Darm mit Bakterien) und Vitamin B3 (aus Tryptophan, B2, B6 und Folsäure) synthetisieren.
  • Für den Aufbau der Knochen sind keineswegs nur Vitamin D und Calcium notwendig. Auch hier: so einfach funktioniert unser menschliche Stoffwechsel nicht. Wir brauchen zahlreiche weitere Mikronährstoffe um der Entstehung von Osteoporose vorzubeugen.
von Mag. Veronika Winkler M.S.c.
Es gibt kaum ein Themengebiet, über das so viel geschrieben und geredet wird, wie über Ernährung und Nährstoffe. Viele dieser Berichte – sowie auch dieser Artikel - zeugen jedoch von wenig Sachkenntnis, sind widersprüchlich und verwirrend. Dadurch wird der Eindruck erweckt, die Ernährungswissenschaft und Ernährungsmedizin würden vor allem auf Mutmaßungen basieren.
Die Stellungnahme meiner Kollegin Mag. pharm. Ursula Höller kann ich als Ernährungs- und Gesundheitswissenschafterin voll und ganz unterschreiben.
Ich werde ein paar Gedanken zur Durchführung von Nährstoffstudien hinzufügen und möchte dazu anregen, die so schön reißerische Schlagzeile „Neue Studien zeigen den großen Schwindel mit den teuren Vitaminpillen“ und die dabei gemeinten Studien kritisch zu betrachten.
Damit es zu keinen Missverständnissen kommt, stelle ich zu Beginn etwas klar: Vitamine sind sehr wohl Nährstoffe. Sie zählen zu den sogenannten Mikronährstoffen.

Der Satz "Vitamine sind selbst zwar keine Nährstoffe, regulieren aber häufig deren Verwertung" deutet darauf hin, dass das Wissen der Profil-Autoren über Vitamine ziemlich lückenhaft ist. Laut medizinischem Lexikon sind Nährstoffe organische und anorganische Verbindungen, die dem Aufbau und Erhalt körpereigener Substanz dienen [Pschyrembel, 2004].
Der Nährstoffbedarf, also auch der Vitaminbedarf ist eine individuelle Größe: Er setzt sich aus dem Grundbedarf und dem Mehrbedarf zusammen. Der Grundbedarf ist die niedrigste Zufuhrmenge eines Nährstoffes, die notwendig ist, um die typischen Mangelerkrankungen wie beispielsweise Skorbut, Rachitis oder BeriBeri zu verhüten. Zu dem Grundbedarf kommt ein Mehrbedarf dazu, der sich durch physiologische Einflüsse (Geschlecht, Wachstum, Alter, Schwangerschaft, Stillen…) und durch äußere Faktoren (körperliche Leistung, Klima, Krankheit, Medikamenteneinnahme, Stress, Umweltbelastung, Interaktionen von Nährstoffen, häufiger Verzehr leerer Kalorienträger (z.B: Weißmehlprodukte)... ) ergibt.
Die Nährstoffempfehlungen können daher nur Richtwerte sein und richten sich vor allem an gesunde Personen.

Bei der Deckung des individuellen Nährstoffbedarfs spielen sowohl die physiologische (die natürliche) als auch die unphysiologische Ernährung (Nährstoffpräparate, angereicherte Lebensmittel) eine Rolle.
Obwohl Nährstoffpräparate eine gesunde Ernährung nie vollständig ersetzen können, so können sie dennoch – in angemessener Dosierung - dazu beitragen, die Nährstoffversorgung bestimmter Bevölkerungsgruppen zu verbessern und dadurch das Risiko für ernährungsabhängige Erkrankungen zu senken. Bei bereits bestehenden Erkrankungen können Nährstoffpräparate auch zur Therapie eingesetzt werden.
Die Therapie mit Nährstoffen ist hochindividuell und gehört in die Hände kompetenter, ausgebildeter Personen. So bringen eine individuelle Ernährungsanamnese, -beratung und -therapie die besten Ergebnisse für die Patienten. Ernährungsrelevante Erkenntnisse werden sowohl aus aufwendigen Untersuchungen ( viele Forschungsergebnisse - vor allem von neu erforschten Substanzen - basieren nur auf In-vitro-Untersuchungen) und Studien als auch aus Erfahrungen von Experten gewonnen und können daher als evidenzbasiert bezeichnet werden.
Der Goldstandard für medikamentöse und diätetische Studien ist die randomisierte, placebokontrollierte Interventionsstudie: sie besitzt in wissenschaftlicher Hinsicht den höchsten Stellenwert. Daher wird versucht, auf diese Weise die Bedeutung von Nährstoffen für die Mortalität an bestimmten Erkrankungen zu überprüfen.
Studien mit Nährstoffen durchzuführen ist jedoch mit zahlreichen Schwierigkeiten verbunden: Schon beim Studiendesign werden häufig entscheidende Fehler begangen, und bei der Studiendurchführung können verschiedene Faktoren die Aussagekraft der Studie reduzieren: beispielsweise werden viele Nährstoffstudien so durchgeführt, als ob es sich um Arzneistoffe handeln würde; es wird vergessen, dass der Nährstoffbedarf individuell ist (s.o.) oder Lebensstil und Ernährungsweise werden nicht berücksichtigt...

  • Unterschied Nährstoffe – Arzneistoffe: Nährstoffe sind natürliche Bestandteile unseres Stoffwechsels und übernehmen verschiedenste Aufgaben zur Aufrechterhaltung unserer Körperfunktionen. Zwischen Nährstoffen kommt es immer zu Interaktionen, sie beeinflussen einander (nicht immer nur positiv). Es macht daher selten Sinn, Nährstoffe (vor allem antioxidativ wirksame Vitamine) einzeln in hohen Dosierungen einzusetzen. Es muss je nach Bedarf eine entsprechende umfassende Nährstoffkombination zugeführt werden. Arzneistoffe hingegen können einzeln zugeführt werden, um eine bestimmte Mission zu erfüllen. Ihre Wirkungsweise ist wesentlich leichter nachzuvollziehen und nicht ganz so komplex.
    Mit einer Ausnahme wurden die im Profilartikel angeführten Studien mit einer Kombination aus höchstens drei Nährstoffen durchgeführt.
  • Standardisierung: Jeder Proband müsste die gleichen Nährstoffe in der gleichen Menge aufnehmen (absolut oder relativ bezogen auf das Körpergewicht bzw. die Gesamtkalorienzufuhr). Wenn man wirklich genau sein möchte würde das bedeuten, dass sich die Probanden völlig gleich ernähren bzw. einem bestimmten Ernährungsplan folgen müssten, da die Lebensmittel, die zusätzlich zu den Nährstoffpräparaten aufgenommen werden, ebenfalls Nährstoffe enthalten. Auch andere äußere Einflüsse (s.o: Mehrbedarf) müssen berücksichtigt werden.
  • Randomisation: Wegen der Vielfalt von Einflussfaktoren auf ernährungsabhängige Erkrankungen ist deren gleichmäßige Verteilung durch die Randomisation bei kleinen und mittleren Gruppengrößen nicht garantiert. Die Anzahl der Studienteilnehmer muss dementsprechend groß sein.
  • Verblindung und Placebo: (Studien mit Ernährungsumstellung) Eine Ernährungsumstellung durchzuführen, ohne dass dies Arzt und Proband merken ist praktisch unmöglich.
  • Studiendauer: Nährstoffe bzw. Nährstoffpräparate und Diäten wirken meist erst nach längerer Zeit: mehrere Wochen, Monate – manchmal sogar Jahre. Je länger eine Studie dauert, umso höher ist die Ausfallsrate. Eine hohe Ausfallsrate hat einen negativen Einfluss auf die Validität.
    Evidenzbasierte Medizin ist nicht nur auf randomisierte, kontrollierte Interventionsstudien und Metaanalysen begrenzt. Sie beinhaltet die Suche nach der jeweils besten wissenschaftlichen Evidenz zur Beantwortung der klinischen Fragestellung [Sackett DL, et al (1996)].
    Man sollte auf jeden Fall der Meinung von Nährstoffexperten mehr Bedeutung zukommen lassen und diese kompetenten Personen zu Rate ziehen, um Studiendesigns zu erstellen. Dann ließe sich vielleicht vermeiden, dass das Geld für teure Studien herausgeschmissen wird, Studienergebnisse falsch interpretiert werden und Journalisten ihre Zeit verschwenden.

[Sackett DL, et al (1996) : Evidence Based Medicine : What it is and what it isn´t. British Medical Journal, 1996; 312].

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